Nahezu lautlos schwebt der riesige Korb der Krananlage im Atrium des Mercedes-Benz Museums mit seiner wertvollen Fracht von der obersten Ebene über sieben Stockwerke auf den Boden hinab. Es ist ein fast schon majestätisch anzusehender Auftritt und wie gemacht für die sattrot glänzende Mercedes-Simplex 60 PS Reiselimousine aus dem Jahr 1904. Kaum fünf Minuten dauert die spektakulär anzusehende Fahrt. Sie ist der Höhepunkt einer mehrstündigen technischen Meisterleistung, die Experten des Museums und des Speziallogistikunternehmens Scholpp Mitte August vollbracht haben.

Der Mercedes-Simplex 60 PS ist das älteste originale Automobil unter den 160 Fahrzeugexponaten der Dauerausstellung, das je auf Zeit das Museum verlassen hat. Für das Topmodell der einstigen Daimler-Motoren-Gesellschaft begeisterten sich einst höchste Kreise. Besitzer dieser luxuriösen Reiselimousine war kein geringerer als Emil Jellinek, der Erfinder des Markennamens Mercedes. Bis Ende des Jahres ist das noble Fahrzeug im Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach bei Stuttgart der Star einer exklusiven Veranstaltung rund um die Geschichte der Mercedes-Benz S-Klasse. Zuvor werden die Experten der Werkstatt von Mercedes-Benz Classic sie noch einmal sorgfältig begutachten.

Stirling Moss und Denis Jenkinson im Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen (W 196 S) auf dem Weg zum Gesamtsieg der Mille Miglia 1955.
Stirling Moss und Denis Jenkinson im Mercedes-Benz 300 SLR Rennsportwagen (W 196 S) auf dem Weg zum Gesamtsieg der Mille Miglia 1955.

Aktuelle Krantechnik

Seinen festen Standort hat der Mercedes-Simplex 60 PS normalerweise im Mercedes-Benz Museum im Raum Mythos 2: Mercedes – die Geburt der Marke. Dort wird die Reiselimousine wie ein Juwel auf einer facettierten, schwarz glänzenden Schrägfläche präsentiert und begeistert die Besucher. Ihre Ausbringung allerdings ist eine logistische Herausforderung. Denn das rund 2,2 Tonnen schwere Luxusfahrzeug muss von seinen vier stählernen Aufnahmepunkten gehoben werden, ohne dabei die Oberfläche der Schräge zu belasten. „Bei dieser Ausbringung haben wir zum ersten Mal einen mobilen Minikran der Firma Scholpp eingesetzt“, erklärt Benedikt Weiler, Kurator des Mercedes-Benz Museums, das Vorgehen. Das kompakte Hebezeug rollt auf Gummi-gleisketten und kann bis zu acht Tonnen bewegen.

Am Tag der Reisewagen-Ausbringung wird das Spezialfahrzeug zunächst mit der fest verbauten Krananlage des Museums auf die Ebene des Mythosraums 2 gehoben. Die Haken von zwölf Seilzügen sind in der Decke des Atriums zu erkennen. Je nach gewünschter Ausrichtung werden vier der Züge abgelassen und mit einem riesigen Transportkorb verbunden. Das Team hat diesen zuvor auf Luftkissen aus dem Museumsdepot ins Atrium gleiten lassen. Damit der Terrazzo-Boden nicht beschädigt wird, sind zusätzlich robuste Gummimatten ausgelegt. Die Krananlage ist eigens für das Museum geplant und gebaut worden und kann mit dem Transportkorb 40 Tonnen heben. Dieser ist 15 Meter lang und 4 Meter breit und wiegt knapp 20 Tonnen. Bleiben rund 20 Tonnen als maximale Nutzlast – ausreichend selbst für große Omnibusse und Lastwagen, wie sie im Museum stehen.

„Die Krananlage ist das Herzstück unserer Fahrzeuglogistik. Mit ihr haben wir bereits bei der Eröffnung sämtliche Fahrzeuge bis hin zum großen Reisebus ins Museum eingebracht. Und sie kommt seither regelmäßig rund zwei Duzend Mal im Jahr zum Einsatz“, erklärt Benedikt Weiler. Die Kranfahrten finden immer montags statt. Denn dann ist das Museum für die Besucher geschlossen. „Das bietet uns ein maximales Zeitfenster zwischen 18 Uhr am Sonntagabend und 7 Uhr am Dienstagmorgen“, erläutert der Museumskurator. Auch der Mercedes-Simplex 60 PS verlässt an einem Montag das Museum.

Sorgfältige Planung und minutiöse Ausführung

Nachdem der mobile Minikran und weitere Hebezeuge auf der Ebene des Mythosraums 2 angekommen und eingerichtet sind, beginnt der knifflige Teil: Nach einem genau durchdachten Ablauf fasst eine spezielle Hebevorrichtung aus zwei parallelen Stahlrohren den Mercedes-Simplex 60 PS unter den Hinterrädern, während die Vorderachse über stabile Gurte mit einem leistungsfähigen Gabelstapler verbunden ist. Der Kran zieht vorsichtig an und der Stapler bewegt in winzigen Schritten seine Gabel nach oben. Zentimeterweise hebt sich die Reiselimousine von ihrem Standplatz und schwebt frei im Raum, bevor sie dann ungefähr fünf Meter zur Seite gehoben und vorsichtig auf den Museumsboden gesetzt wird. Dauer der Vorbereitungen im Depot, am Standplatz und am Fahrzeug: ungefähr acht Stunden. Das eigentliche An- und Wegheben des Reisewagens war dann innerhalb von nur zehn Minuten erledigt. „Wie am Schnürchen – so, wie wir es geplant haben“, freut sich Benedikt Weiler.

Jetzt noch den Luftdruck in den Reifen erhöhen, dann rollt das Team den wertvollen Klassiker vorsichtig auf den großen, an vier Seilen hängenden Krankorb, der wie ein Schiff an die Brüstung zum Mythosraum 2 hin angedockt hat. Die Fachleute der Firma Scholpp tragen dabei weiße Handschuhe – das gehört zum vorsichtigen Umgang mit dem historischen Fahrzeugunikat. Konservatorische Belange haben bei jeder Fahrzeugbewegung oberste Priorität.

Dann erfolgt die beschriebene Fünf-Minuten-Kranfahrt auf den Atriumboden. Vor dem Museum wartet bereits ein geschlossener Transporter, der die Reiselimousine ins knapp sieben Kilometer entfernte Classic Center in Fellbach bringt. Anfang 2021 rücken die Fahrzeuglogistiker der Firma Scholpp wieder an, um gemeinsam mit Kurator Benedikt Weiler die Reiselimousine in bewährter Weise an ihren Stammplatz im Museum zu befördern.

Stirling Moss und Denis Jenkinson, die glücklichen Sieger der Mille Miglia 1955 im Ziel des Straßenrennens.
Stirling Moss und Denis Jenkinson, die glücklichen Sieger der Mille Miglia 1955 im Ziel des Straßenrennens.